Chronik 1990 - 1999
Nach dem Mauerfall stand eine zweite, auf einem gänzlich anderen Ausgangspunkt der Nutzung basierende Welt-Karriere des ewerks bevor. Doch bevor diese Epoche starten konnte, wurden die Hallen der ehemaligen Centralstation vom Magistrat noch bis 1991 als Depot für Straßenlaternen genutzt. Es gab ebenso erste unabhängige Inszenierungen, wie die von Jannis Kounellis im Rahmen der Ausstellung „die Endlichkeit der Freiheit“.
Doch kurze Zeit nach Beräumung des Depots nahm die Geschichte ihren Lauf:
1992 entdeckte Andreas Rossmann das ewerk, das sich auch drei Jahre nach dem Mauerfall bis auf wenige Restfunktionen der Energieversorgung noch weitgehend im Dornröschenschlaf befand. Er war seiner Profession folgend auf der Suche nach einem Ort, der zur damaligen Zeit häufig in Berlins Innenstadtbereichen zu finden war. Orte, die aufgrund architektureller Besonderheiten, baulicher Zustände oder geografischer Zusammenhänge, mitunter auch dem puren Zufall erliegend, als Orte für Feste der Subkultur geeignet waren und die erheblich dazu beitrugen, das der Habitus Berlins in dieser sich neu sortierenden Welt nach Ende des kalten Krieges innerhalb kürzester Zeit um eine kräftige und wohlmeinende Facette bereichert wurde. Einer der Orte war der „Planet Club“, der damals an verschiedenen Orten in Berlins wildem Osten forschte und für den Andreas Rossmann nach einer weiteren neuen Location suchte. Ein erstes Projekt an diesem wiederentdeckten spektakulären Ort in der Mauerstraße war schnell konzipiert und im Februar 1993 fand die Evidence Party in der heutigen Halle F gemeinsam mit Low Spirit und Westbam statt. Es war bitter kalt und die legendäre Feuerinstallation erinnerte eher an die Bronx in NYC, als an die Mitte Berlins. Infolge des Erfolges und der Faszination des Ortes wurde standhaft an der weiteren Konzeption und den Machbarkeiten gearbeitet und in Folge eröffnete der Club am 17.4.1993 mit der ersten Platte von DJ Clé. Das ewerk als Club spielte schnell eine Sonderrolle in der ambitionierten Berliner Club-Szene, was sicherlich wesentlich auf die kongeniale Mischung der damaligen Glamour-Crew Hille Saul, Andreas Rossmann, Ralf Regitz und Lee Waters zurückzuführen ist. Hille Saul, die Seele des Ortes und für die Musik bestimmungsgemäß verantwortlich, initiierte mehrere Veranstaltungsreihen, wie samstags TWIRL mit den ewerk-Residents und internationalen Gast-DJ´s und freitags Dubmission mit Resident Paul van Dyk. Parallel existierten weitere Formate wie Lee´s Ranch oder es fanden gelegentliche Sonderformate, beispielsweise zur Loveparade, statt.
Aus der Vielzahl der damaligen Angebote in der Stadt stach das ewerk schnell hervor, da zum Clubbetrieb nicht minder berühmte nationale wie internationale Institutionen ihren Beitrag zum Kult lieferten. Stellvertretend seien das Prodigy Konzert zum MTV European Music Award 1994 genannt oder die Chromapark Techno Art Exhibition von 1994 bis 1996, die Media-Events mit Party-Kultur vereinte. Teilnehmer waren u.a. 3D-Luxe, Elsa For Toys, Attila Richard Lukacs sowie Ali Kepenek und Wolfgang Tillmans.
Das es geschafft wurde, die doch sehr heterogene Zielgruppe - vom Massive Attack-Konzert über das Versace Gala Dinner bis hin zur Don Giovanni Inszenierung von Katharina Thalbach in Kooperation mit Christoph Hagel und Mediapool - an einem Ort zusammenzuführen, bewies, daß der Ort konzeptionell wie auch im Operating in den neunziger Jahren zu den besten Clubs der Welt gehörte.
Zu den wichtigsten Residents im Club zählten Clé, Woody, Westbam, Jonzon, Terry Belle sowie Disko; als Gäste hat das Who is Who der Technowelt im laufe der Jahre aufgelegt. Nur einige Namen seien hier erwähnt: von den Detroiter Urvätern um Derrick May, Juan Atkins, Kevin Sounderson, die englische Elite um Carl Cox, bis hin zu den Kontinental-Europäern Laurent Garnier, Sven Väth, Hell und Paul van Dyk.
Es gibt eine Vielzahl von Legenden über das ewerk und dem damals residierenden Club. Viele können als überhöht oder auch schlicht als unwahr bezeichnet werden. Doch waren und sind diese Geschichten gleichzeitig Beleg für das damalig hohe Identifkationspotential der Szene mit diesem Ort. Gleichzeitig sind aber auch anrührende Szenen nach abgewiesenem Einlaßbegeheren immer wieder vor der Tür zu beobachten gewesen oder auch im Haus selber gab es Auslöser zu manch schöner Story, wie der, das Laurent Garnier beim Betreten der Halle gerührt auf die Knie sank und flehte, im ewerk bestattet werden zu können. Drastischer ging es zu, als Naomi Campell durch eine wahre Autorität des Hauses zur Ordnung gerufen wurde, und die Klofrau das Supermodell an den Haaren aus der Box schliff, um illegalen Praktiken Einhalt zu gebieten.
Geschlossen hat der Club im Jahr 1997 mit einem dreitägigen rauschenden Fest. 4000 Gäste, versammelt aus der ganzen Welt, dürften die höchsten jemals gemessenen Temperaturen im Club erlebt haben. Das Beben der Bässe zu diesem Abschluss ist auch heute noch in den Ämtern Berlin-Mittes zu spüren, die ausgesprochen sensibel und partiell auch unnachgiebig auf den Umstand reagierten, als bekannt wurde, das einer der Köpfe der ehemaligen Crew sich heute um die weitere Nutzbarmachung der Hallen bemühte.
Das Wichtigste am Club im ewerk war wohl in der retrospektiven Betrachtung, das alle zusammen, die Gäste, die Künstler und auch die Crew sich als Teil von etwas Einzigartigem fühlten und den damals vorhandenen politischen und institutionellen Freiraum mit nicht wiederholbarer Kreativität und sicherlich auch partiellem Wahnsinn füllten. Der Club bleibt eine der schönsten und kräftigsten Erinnerungen für Berlin in den Nachwende-Zeiten und diese Erinnerung wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Zeit den Status einer Legende aneignen.
Nach Schließung des Clubs gab es ab 1998 mehrere Initiativen, den Ort einer dauernden und ambitionierten Nutzung zuzuführen, die an verschiedenen Aspekten scheiterten. Ein geplantes Energieforum scheiterte ebenso wie Pläne, Büroräume für Firmen der New Economy zu schaffen, so dass auch die immer wieder nachgefragten Zwischennutzungen abnahmen.